Die Smart-Home Psychologie

Die Smart-Home Psychologie

Zugegeben die Überschrift ist vielleicht etwas provokant gewählt, aber ich möchte in diesem Beitrag meine Erfahrungen aus rund 2 Jahren Betrieb und Aufbau meines Smart-Homes beschreiben. Der Beitrag sollte keinesfalls als komplett angesehen werden, denn ich werde ihn regelmäßig mit neuen Erfahrungen und Eindrücken ergänzen.

WAF

Die meisten werden die Abkürzung schon gehört haben. Der WAF (Woman Acceptance Factor) spielt natürlich eine große Rolle im Zusammenhang mit einem Smart-Home. Anfangs spielte er keine große Rolle da ich vieles, wie z .B. Temperatursensoren unsichtbar und abseits des Wahrnehmungsbereiches meiner Frau installiert hatte.

Den ersten Berührungspunkt mit meiner Frau gab es dann mit der Heizungssteuerung bzw. den Homematic-Thermostaten, die ich in jeden Raum gegen alte, dumme Bi-Metall Thermostate eigenmächtig ausgetauscht hatte. Ein Fehler, wie sich nachträglich herausstellte, denn die mir völlig klar erscheinenden Vorteile wollte sie so nicht sehen und so benötigte es viel Überzeugungsarbeit sie doch noch davon zu überzeugen. Eine Erfahrung reicher konnte ich mit dem weiteren Aufbau des Smart-Homes, in enger Abstimmung mit meiner Frau, fortsetzen.

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Der nächste Punkt, der für Diskussionen sorgte, war das Thema Beleuchtung. Im Treppenhaus installierte ich sichtbar einen Homematic-Bewegungsmelder um das Licht bei Dunkelheit automatisch im Treppenhaus zu steuern. Hierbei gab es gleich mehrere Probleme. Meine Frau ist eher der Schalter-Typ, wohingegen ich Schalter möglichst weder sehen noch betätigen möchte. Auch die Leuchtdauer war immer wieder ein Streitpunkt. Ein Kompromiss musste her.

Ich installierte ein Modul in FHEM in dem ich zwischen automatischem Einschalten der Lampe z. B. über Bewegungsmelder und manuellen Betätigen der Schalter bzw. Taster unterscheiden konnte und so verschieden lange Zeitintervalle definieren konnte. Den sichtbaren Bewegungsmelder (PIR) werde ich bei Gelegenheit noch gegen einen HF-Bewegungsmelder austauschen, der sich komplett verdeckt einbauen lässt um hier keine weiteren Diskussionen führen zu müssen.

Schalter/Taster

Wir haben mehrere 2-,3- und 4-fach Schalterbatterien der Jung Serie CD und mit Hinzufügen von Homematic-Aktoren wurde einige, nicht aber alle, Schalter gegen Taster ausgetauscht. Dies hat zu einem Mischbetrieb von Schaltern und Tastern geführt. Es hat sich dabei herausgestellt das die Kombinationen aus Schaltern und Tastern ungünstig ist. Es besteht hierbei stets die Verwechslungsgefahr bei der Funktion bzw. Wippenrichtung. Bei einem Neubau würde ich, sofern sie notwendig sind, vollständig auf Taster setzen. Dies würde auch die Verkabelung einfacher machen.

Verschärft wird die Problematik noch mit Tastern, die unterschiedliche Stellungen haben. So haben z .B. die Standard 1-pol. Jung Taster eine Stellung die zu einer bestimmten Seite bzw. nach oben oder unten zeigt und welche man auch nicht von normalen Schaltern unterscheiden kann. Die Universal HomeMatic Funk-Schaltaktor 1-fach mit Unterputzmontage lassen sich mittels Adapter auch mit einer Jung Schaltwippe ausstatten, allerdings hat die Wippe hier dann eine mittige Ausrichtung, die eine Tasterbetätigung in 2 Richtungen zulässt. Auch der Druckpunkt des Tasters ist hierbei anders.

Alles zusammengenommen sind solche Kombinationen in der Interaktion Smart-Home<->Mensch nicht förderlich und verhindern einen guten “Smart-Home-Flow”. Auch der WAF leidet erheblich darunter.

Latenzen

Im “Smart-Home-Flow” gibt es praktisch nicht schlimmeres als nicht oder nur verzögert reagierende Geräte. Wenn ich z. B. unser Treppenhaus betrete möchte ich, das dort auch sofort das Licht über den Bewegungsmelder eingeschaltet wird und nicht erst, wenn ich schon wieder woanders bin. Es gibt gewisse tolerable Grenzbereiche, aber nicht performante Systeme und daraus folgende Latenzen erkennt man viel schneller, als man denkt.

An der Performance meiner Smart-Home-Hardware bin ich seit Beginn an am Optimieren. So habe ich z. B. viele Prozesse / Module / Datenbanken / Visualisierungen ausgelagert bzw. verteilt um ein performantes Gesamtsystem zu erhalten.

Bei Funkverbindungen wirkt sich schlechter Empfang negativ auf die Latenzen aus. Für meine Homematic-Geräte hab ich aus diesem Grund auch 3 Gateways an verschiedene Positionen im Haus die alle per Netzwerkkabel verbunden sind. WLAN-Gateways wären auch möglich, verschärfen aber die Latenzproblematik, weshalb ich auch darauf verzichte. Generell funktionieren bei uns alle Funkbasierten Geräte sehr gut und besser wie gedacht. Vor allem unter Berücksichtigung der 1%-Regel. Allerdings würde ich immer die Kabelvariante bevorzugen, da Daten schneller und in größeren Mengen ohne große Latenzen übertragen werden können. Ich denke aber, das diese Erkenntnis für die meisten nicht neu sein wird.

Sichtbarkeit

Jede sichtbare Konfrontation mit Smart-Home Hardware führt zu Diskussionen – siehe WAF. Ich selber möchte allerdings im Wohnbereich auch so wenig wie möglich davon sehen, wie oben z B. mit den Tastern/Schaltern erwähnt. Ich folge hierbei der Regel: Das beste Design ist das, das ich nicht sehen muss. Das heißt: Ich würde gerne alle Lampen, Schalter, Taster, Steckdosen, Rauchmelder, Bewegungsmelder, Sensoren, Kabel usw. im Wohnbereich soweit möglich gerne unsichtbar oder verdeckt verbauen.

Im Keller dagegen ist bei uns schon so einiges gut sichtbar verbaut – siehe hier. Das mag zwar hässlich sein stört mich aber im Keller wenig und die Komponenten sind gut Erreichbar bezüglich der Wartung.

Apps

Ich verstehe nicht, warum jeder Hersteller/Dienstleister für Smart-Home Komponenten seine eigene App bereitstellen muss. Für mein Smart-Home möchte ich nur maximal eine App verwenden müssen, wenn überhaupt. Für FHEM verwende ich in seltenen Fällen die Android-App “andFHEM”. Diese ist grafisch sicherlich kein Highlight genügt aber um schnell eine Einstellung vornehmen zu können. Zur normalen Steuerung meines Smart-Homes verwende ich in der Regel noch das Standard-WebGUI am PC als auch auf meinem Handy. Allerdings haben beide Varianten den Nachteil des sehr niedrigen WAF. Besser geeignet ist das für FHEM verfügbare TabletUI, welches ich zurzeit noch aufbaue und später auf einem zentral installierten 23″ LG Touchscreen laufen soll.

Benachrichtigungen

In FHEM habe ich mehrere Dutzend Text-Benachrichtigungen mit “pushover” in unterschiedlicher Dringlichkeit definiert. Anfangs noch cool wurde ich später mit Benachrichtigungen regelrecht überflutet. Dies große Anzahl an Benachrichtigungen führte dazu das ich wichtige Nachrichten nicht mehr gelesen habe, weil sie einfach in der Flut untergegangen sind. Ich musste aufwendig Grenzwerte neu definieren oder Trigger verändern und mir natürlich auch die Frage stellen welche Nachrichten wirklich so wichtig sind das ich sie lesen muss.

Das gleiche gilt auch für über Lautsprecher ausgegebene Nachrichten. Hier setzte ich gleich von Anfang an auf ein absolutes Minimum. So werden wir zu Hause z  B. bei Beenden des Wasch-, Spül und Trocknungsvorgangs von Waschmaschine, Spülmaschine und Trockner über einen zentral installierten Homematic-Lautsprecher (Funk-Gong) darüber informiert inkl. einer Wiederholung der Nachricht nach 20 min. Das war für uns die max. Anzahl an Benachrichtigungen, wobei jede weitere Wiederholung den WAF sinken lässt.

Automatisation

Auch hier habe ich eine Regel für mich aufgestellt nach der ich mein Smart-Home aufgebaut habe: Möglichst alles automatisiert, aber mit Eingriffsmöglichkeiten. Das heißt ich möchte so wenig wie möglich in den “Smart-Home-Flow” durch Aktionen bzw. Interaktionen eingreifen müssen, aber muss ich doch etwas Einstellen oder Aktionen auslösen sollte das dann auch möglich sein.

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Beispiel hier ist meine Heizungssteuerung. Die läuft in der Regel voll automatisch mit Homematic-Thermostaten. In denen sind z. B. Zeiten hinterlegt, wann die Heizung für einen Raum laufen muss oder nicht. Auch bestimmte Temperaturen, die nicht unterschritten werden dürfen sind hier gespeichert. Habe ich z. B. Urlaub und bin doch zu Hause kann ich schnell die Thermostate in FHEM umprogrammieren. Eine Steigerung davon wäre das z. B. über eine Anwesenheitserkennung weiter zu automatisieren.

Weiteres Beispiel ist die Beleuchtung. Hier ist z.B. die Beleuchtung unseres Treppenhauses, wie oben schon beschrieben, automatisiert. Bei Dunkelheit gehen die Lampen an, wenn sich etwas im Treppenhaus bewegt. Bewegt sich nichts mehr gehen die Lampen wieder aus. Einfache Logik. Möchte ich im Treppenhaus etwas reparieren und bewege mich deswegen nur wenig oder ich befinde mich etwas außerhalb des Erfassungsbereiches vom Bewegungssensors, dann funktioniert diese Logik nicht mehr. In FHEM kann ich diese Logik bei Bedarf ausschalten, sodass das Licht dauerhaft anbleibt.

Sicherheit IoT

Die Anzahl meiner Geräte und im Speziellen meiner IoT-Geräte wächst unaufhaltsam. Viele haben LAN-Anschlüsse oder WLAN. Es macht mich unruhig, wenn sich alle Geräte innerhalb des gleichen Subnets befinden. Man weiß halt doch nicht so genau was die Geräte an Daten sammeln und weitergeben. Aus diesem Grund setze ich zum Separieren von IoT-Geräten VLANs (IoT-Jail) ein. Die Thematik habe ich hier schon etwas ausführlicher erläutert.

Reinhard
Autor von frombeyond.de. Smart-Home-Verrückter.

Nutzt Zuhause FHEM zusammen mit HomeMatic, JeeLink, 1-Wire, Flammtronik / Atmos HV, Buderus KM271, Philips HUE, Xiaomi Yeelight, Alexa, Sonos, FritzBox, Ubiquiti UniFi APs, APC UPS, APC PDU, IPMI. MariaDB, InfluxDB und Grafana zur Auswertung. Als Hardware-Untersatz kommen mehrere RaspberryPis und Supermicro Serverhardware zum Einsatz. Softwareseitig werden hauptsächlich Raspbian, Ubuntu, ESXi und Docker verwendet.